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Wissenschaftliches / Pub.

1-2010 - Grenzen und Möglichkeiten: Physiotherapie bei MS

Magazin "lidwina" für Menschen mit und ohne MS

G. Buchstein, Heft 1/März 2010

Die Physiotherapie ist ein besonderer Schwerpunkt in der der Behandlung der Multiplen Sklerose. Dabei bestimmen Art und Ausmaß der vorhandenen motorischen Defizite des Patienten die Wahl der effektiven Physiotherapie für jeden einzelnen.

verschiedene Therapiemethoden

Die Grundlagen
Die Auswahl der physiotherapeutischen Konzepte zur Behandlung von MS-Patienten ist umfangreich. Es ist  daher notwendig, die geeignete Behandlungsmethode oder auch Kombinationsbehandlung so auszuwählen, dass ein optimaler Therapieeffekt erzielt wird. Die Fortbewegungsart des Menschen entspricht einem Kreuzgang. Die Steuerung der Kreuzgangfortbewegung beruht auf angeborenen und erlernten Bewegungsprogrammen. Die entwickelten physiotherapeutischen Konzepte basieren auf dem menschlichen Lernvermögen und auf der Auslösung angeborener Bewegungsmuster – oder auf beidem. Zur „Krankengymnastik Zentrales Nervensystem“(1) (KG), die bei der MS-Behandlung eingesetzt wird, werden u.a. Techniken der KG nach Vojta, Bobath und Techniken der propriozeptiven neuromuskulären Fazilitation (PNF) verwendet, sowie Lokomotionstraining auf dem Laufband, das „Therapeutische Klettern“ oder das Biofeedback-Balancetraining.

Ab einem bestimmten Behinderungsgrad lassen sich klinische Verbesserungen am besten aus einer Kombination verschiedener Behandlungsverfahren erzielen, die für jeden einzelnen MS-Patienten – abhängig vom Behinderungsgrad – individuell festgelegt werden. Häufige Wiederholungen von Bewegungen führen zu deutlich besseren Behandlungsergebnissen. Deshalb ist auch die regelmäßige Eigentherapie auf der Basis eines individuellen Übungsplans ein wichtiger Baustein des Behandlungserfolges.


Die Vojta-Therapie

Die Vojta-Therapie aktiviert angeborene Bewegungsprogramme (z.B. das sogenannte „Kriechmuster“ aus der Bauchlage). Bei Patienten, die auf diese Form der KG stark reagieren, werden reflektorisch – also völlig automatisch – körperliche Reaktionen in Gang gesetzt. Diese fallen bei MS-Patienten sehr unterschiedlich aus: z.B. Muskelzuckungen bzw. -anspannungen, unwillkürliche Bewegungen im Bereich der Arme, Beine oder auch im Rumpfbereich. Weiterhin kommt es zu sensiblen und vegetativen Reaktionen. Unmittelbar nach der Vojta-Therapie treten häufig Sofortverbesserungen auf wie z.B. bessere Körperhaltung und leichtere Bewegungen beim Gehen. Ein Gehtraining im direkten Anschluss der Therapie kann besonders Patienten mit stärkerer Gehbehinderung helfen, die die gewonnenen Fähigkeiten zu stabilisieren und langfristig zu erhalten.

Bobath-Therapie

Die Grundlage der Bobath-Therapie ist das Arbeiten über Lerneffekte nach dem Prinzip „Übung macht den Meister“. Alle Bewegungsabläufe, z.B. Gehen, Werfen oder Greifen müssen erlernt, stabilisiert und automatisiert werden. Dieses Üben von Bewegungen regt Prozesse im zentralen Nervensystem an und verändert diese. Nervenbahnen werden ausgebaut und neue oder bereits vorhandene Synapsen eingeschaltet. Durch eine „Umorganisation“ des Gehirns können gesunde Gehirnregionen neue Aufgaben übernehmen.
Die Bobath-Therapie ist ein ganzheitliches Behandlungskonzept. Die Techniken und Übungen sind sehr individuell von der jeweiligen Situation des Patienten abhängig. Diese Therapie eignet sich besonders gut für Patienten mit Defiziten bei der Gleichgewichtsregulation sowie Mobilität, die die Selbstversorgung, das häusliche Leben und  Partizipation betreffen. Besonders gute Verbesserungen werden mit aufgabenrelevanten, komplexen Übungen erzielt, z.B.  mit Bewegungen in alltäglichen Situationen wie Ankleiden, Hinsetzen, Trinken usw.

PNF-Therapie
PNF steht für propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation. Das bezeichnet das Zusammenspiel von Nerven und Muskulatur. Die Bewegungsmuster der PNF-Therapie entsprechen normalen  Bewegungsmustern – dreidimensional und diagonal. Die Techniken sind genau vorgegeben und sie erfolgen in diagonalen Komponenten. Dieses therapeutische Konzept beruht darauf, dass komplexe  Bewegungsabläufe in einzelne Grundmuster zerlegt werden. Diese Pattern (Muster) werden dann mit dem betroffenen Patienten geübt. Diese Therapie eignet sich besonders bei MS-Patienten mit Lähmungserscheinungen und Mobilitätseinschränkungen und führt durch den ganzheitlichen und komplexen Ansatz zu guten Behandlungserfolgen in Bezug auf das Gehvermögen und alltägliche Bewegungen.

Lokomotionstraining auf dem Laufband
Dieses Training ist effektiver als ein herkömmliches Gehtraining, weil rhythmische Schrittzyklen den Schrittmustergenerator im Rückenmark besonders gut stimulieren und gleichzeitig eine höhere Schrittfrequenz erreicht werden kann. Bei MS-Patienten sind nicht selten beide Beine – aber unterschiedlich stark – betroffen. Das  Laufbandtraining bietet durch die bequeme Hilfestellung des Therapeuten auf der mehr betroffenen Seite eine ideale Lösung zum „Auftrainieren" des besseren Beins. Durch dieses bilaterale Training (beide Körperseiten werden gleichzeitig geübt) wird die „bessere“ Gehirnhälfte aktiviert. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass auch die „schlechtere“ Gehirnhälfte stimuliert wird. Das Gehtraining auf dem Laufband kommt dem natürlichen Gehen sehr nahe. Mittlerweile gilt es als bewiesen, dass eine Verbesserung des Gehvermögens am ehesten durch ein Gehtraining erzielt wird. Außerdem ist es ein aktives, aufgabenorientiertes Trainingsverfahren.

Therapeutisches Klettern
Das „Therapeutische Klettern" an Boulderwänden ist eine recht junge Disziplin. Die hohe komplexe Funktionalität der Kletterbewegung ermöglicht ein abwechslungsreiches Ganzkörpertraining mit dem eigenen Körpergewicht in geschlossenen Muskelketten. Es gibt dem Patienten Sicherheit und Selbstvertrauen in eigene körperliche Fähigkeiten und hat einen sehr hohen Motivationscharakter. Das „Therapeutische Klettern" ist auch ein bilaterales Training, jedoch noch anspruchsvoller als das Gehtraining, da die Koordination aller vier Extremitäten erforderlich ist. Die bilateralen, alternierenden (abwechselnden) Bewegungen, tragen Erkenntnissen zufolge zu einem besonderes guten Behandlungserfolg bei.

Biofeedback-Balancetraining
Bei diesem Training trainieren die Patienten spielerisch mit Hilfe eines Computer-Feedbacksystems ihre Balance. Die Aufmerksamkeit wird dabei nicht auf bestimmte Körperteile oder -bewegungen gelenkt, sondern auf den Effekt, den die Umwelt auslöst. Danach gelingt es häufig, sicher und dynamisch Gewichtsverlagerungen in alle Richtungen durchzuführen. Dies fordert und fördert sensorische, motorische und kognitive Aktivität.

Gabriele Buchstein,
Ltd. Physiotherapeutin, Sauerlandklinik Hachen

 

(1) Diese neurophysiologischen Behandlungstechniken werden im Heilmittelkatalog 2009 als Krankengymnastik Zentrales Nervensystem (KG ZNS) bezeichnet.